Bericht Curriculum Implantologie der DGZI
17 Jahre erfolgreicher Anatomiekurs Dresden 2009 bis 2026
Dr. Rolf Vollmer
Unter der Leitung von Frau Dr. Ing. Ute Nimtschke (TU Dresden), Prof. Dr. Dr. Andreas Fichter (MKG Leipzig), Priv. Dozent Dr. Dr. Achim von Bomhard (MKG Chirurg in Rosenheim) sowie den Oralchirurgen Dr. Martina Vollmer und Dr. Uta Voigt, und den Implantologen Dr. Navid Salehi (Young Generation Vorstand ) Dr. Rainer Valentin und Dr. Rolf Vollmer fand an der Universität in Dresden Institut für Anatomie bereits zum 17. Mal der Anatomiekurs im Rahmen des Curriculums Implantologie der DGZI statt. Der Kurs, der auch als Einzelauffrischungskurs für den erfahrenen bereits implantierenden Kollegen gedacht ist um entsprechende neue Techniken zu trainieren.
Der Kurs war mit fast 30 Teilnehmern ausgebucht.

Zu den Lernzielen gehört die Vermittlung von theoretischen und praktischen Grundkenntnissen der allgemeinen, speziellen, implantatrelevanten chirurgischen Anatomie und topografischen Anatomie orofacialer Strukturen, Kenntnisse anatomischer Fallstricke, Übungen relevanter allgemeiner spezieller chirurgischer implantologischer Techniken am Humanpräparat und möglichst patientenähnlicher Durchführung der Übungen inklusive Nahtübungen.
Theoretischer Teil:
Zunächst führte Frau Dr. Ing. Ute Nimtschke in die allgemeine chirurgische Anatomie ein,. Es wurden alle für den implantierenden Zahnarzt relevanten Strukturen des Schädelbereiches und Grenzgebiete besprochen. Die Nervversorgung sowie die Gefäßversorgung im Bereich der Kiefer- und der Kieferhöhlen wurde explizit erläutert sowie die angrenzenden Muskeln, deren Ansätze und Verläufe von relevanten Strukturen.
Die betreuende Firma Camlog stellte im Folgenden das zur Anwendung kommende Implantat System detailliert vor, vom Bohrprotokoll über die entsprechenden Indikationen.

Dr. Rolf Vollmer fokussierte dann auf den Ober- und Unterkiefer und erläuterte die sogenannten anatomischen Fallstricke. Dabei handelt es sich um anatomische Abweichungen, anatomische Varianten und Problemzonen. Er ging auf im Speziellen auf Altersveränderungen sowie pathologische Veränderungen und Fehlbildungen ein sowie auch nicht korrekte Platzierung von Implantaten ein. Der Verlauf des Canalis Manibulae und seine Bedeutung für den Implantologen wurde besprochen. Eindrucksvolle Bilder von Knochenquerschnitten ergänzten die Erläuterungen. So wunderte sich mancher Teilnehmer, dass in einem „so spongiösen Knochen“ ein Implantat überhaupt halten kann und eine Primärstabilität erreicht wird. Die Darstellung des Nerven im Röntgenbild und anatomische Besonderheiten wie z.B. die Verdopplung des Nervens wurden dargestellt. Ein besonderes Augenmerk fand auch die Perforation des Unterkiefers nach lingual mit Verletzung der Arteria lingualis, die im ungünstigsten Fall zu lebensbedrohlichen Zuständen oder sogar zum Tod führen kann. Entsprechend der Anatomie und dem Gefäßnervenverlauf sollte auch die Schnittführung adäquat erfolgen und möglichst atraumatisch und verletzungsarm gearbeitet werden. Ebenfalls wurde nochmals die Anatomie des Sinus Maxillaris ausführlich besprochen.

Im Anschluss daran erläuterten die MKG Chirurgen Prof. Dr. Dr. Andreas Fichter (MKG Leipzig) und Priv. Dozent Dr. Dr. Achim von Bomhard (MKG Chirurg in Rosenheim) die Möglichkeiten zur Augmentation. Sie stellten klar, dass kleine Defekte durchaus mit Knochenersatzmaterialien zu ersetzen sind, daß aber ab ab einer gewissen Defektgröße die autologe Transplantation nach wie vor den Goldstandard darstelle. Dies habe auch die vergangene aktuelle Leitlinienkonferenz der AWMF festgestellt in der die großen wissenschaftlichen Gesellschaften inklusive der DGZI mitarbeiten. Die Chirurgen erläuterten, dass anhand von entsprechenden Computerprogrammen bereits im Vorfeld die Menge des Knochenbedarfs festgestellt werden könne, sodass man dann ohne das OP Gebiet zu öffnen bereits im Vorfeld die Entscheidung treffen könnte, ob man intraoralen oder extraoralen Knochen entnehmen müsse.

Dr. Vollmer wies ergänzendmdarauf hin, dass es im folgenden praktischen Teil entsprechende Demonstrationen an dem Humansitus gäbe wo exakt z.B. von der Hüfte der Knochen entnommen werden könnte. Er erläuterte im weiteren die spezielle Technik der Fixierung von Knochenblöcken. Entsprechend der Leitlinie Augmentation könnten jedoch auch andere Knochenersatz Materialien zur Anwendung kommen , wie z.B. allogene Materialien aber je nach Indikation auch xenogene Materialien. Es wurde ebenso die Schalentechnik nach Prof. Dr. Khoury vorgestellt, die man seit einiger Zeit auch analog mit allogenen Schalen machen könne, um ein zweites Op Gebiet für den Patient zu vermeiden.

Nach der theoretischen Einführung fanden sich die Teilnehmer in dem modern ausgestatteten Präparier Saal der TU Dresden ein, um bei praktischen Übungen am Phantom ein „Bohrgefühl“ für das zur Anwendung kommende Camlog Implantat System zu bekommen.

Frau Dr. Ing. Ute Nimtschke (TU Dresden) konnte später an perfekt vorbereiteten Kopfpräparaten sowie einem kompletten Leichensitus die für den Zahnarzt interessanten Strukturen bestens erläutern, so z.B. den Beckenkamm, die Kalotte, den Nervus Suralis, den Kehlkopf, eine Koniotomie und die Gefäßpunktion.
Nach sechs Stunden einer propfunden theoretischen und praktischen Wissensvermittlung

freuten sich die Teilnehmer auf das gemeinsame Abendessen im Hilton Hotel gemeinsam mit den Referenten und den Mitarbeitern der Firmen Camlog, Zepf und Geistlich Biomaterials.
Es wurden interessante Gespräche auch z.B. mit dem Chef der Anatomie Prof. Dr. Dr. Mirko HH Schmidt mit allen am Kurs Beteiligten geführt und neue Bekanntschaften bei einem Wein oder Bier geknüpft.
Am Samstagmorgen trafen sich die Teilnehmer im Präparier Saal wieder.
Die Tischverteilung für die praktischen Übungen wurde erläutert. So wurden Sinusliftverfahren mit den Standardttechniken, simultane Implantation sowie der indirekte Sinuslift geübt. Die gleichen Verfahren konnten dann mit der Piezo Technik ebenfalls geübt werden. Bone Splitting, Bone Condensing, Nervdarstellung im Unterkiefer, Verfahren zur Umgehung eines Sinuslifts bzw. des Nervus Mandibularis, das All-on-Four Verfahren nach Paolo Malo stellten die Themen eines weiteren Tisches dar.
In Kurzvorträgen zwischen den Präparier Übungen erläuterte Dr. Vollmer, Wissen im zunächst die chirurgischen Maßnahmen wie z.B. das Step by Step Vorgehen von der Schnittführung über die Bohrung bis zur Insertion des Implantates. Er betonte, dass speziell die Bohrerschärfe eine große Rolle spiele um das Bohrtrauma möglichst gering zu halten. Deshalb seien scharfe Instrumente eine conditio sine qua non. Gebrauchte Bohrer und Fräsen könnten zu einer Überhitzung des umliegenden Gewebes führen. Eine langsame Drehzahl und ein starkes Drehmoment wurde empfohlen. Auch die Bohrzeit spiele eine Rolle. Man solle auf keinen Fall zu lange ohne Vorschub bohren, da im Knochen eine Hyperämie bereits zwischen 40 und 41 Grad Celsius einträte und zwischen 47 und 48 Grad Celsius eine Blutstase. Deshalb sollten Temperaturen, die über 47 Grad Celsius lägen auf keinen Fall erreicht werden.

Dr. Vollmers Fazit: Zeitlich schnell aber gezielt und sicher bohren und „to know what to do“. Dr. Valentin erläuterte im Weiteren Bonesplitting im zahnlosen Kieferabschnitten. Er betonte, dass dies speziell im Oberkiefer sehr nützlich sei um Knochen in der Breite zu gewinnen. Hiermit könne in manchen Fällen eine Blockaugmentation vermieden werden und da es sich quasi um einen Defekt handele, der weitestgehend vom Knochen umschlossen sei, sein man hier auch durchaus zu Knochenersatzmaterialien greifen könne. Die Vorteile des Bonespreadings und Bonesplittings sah Dr. Valentin darin, dass speziell im anterioren Bereich nach palatinal geschrumpfte Kiefer dann wieder in eine günstigere Position für ein Implantat gebracht werden können. Dr. Valentin ging auch noch mal auf die Problematik des Foramen incicivum ein und empfahl Konstruktionen zu wählen in denen möglichst die Einser als Brückenglieder gestaltet werden um hier eine Touchierung des Foramen incicivums bei der Implantation zu vermeiden. Eine anatomische Demonstration und ein entsprechendes Video vervollständigten die Beschreibung dieser Technik.

Ein weiterer wichtiger Punkt war die Anwendung von Osteotomen. Diese standen passgenau zum Implantatsystem der Firma Camlog zur Verfügung. Osteotome sind zum einen Knochenverdichtung für einen indirekten Sinuslift aber auch zur Knochenspreizung geeignet. Ferner standen spezielle sogenannte Hohlzylinderosteotome (Fa. Zepf) zur Verfügung mit denen aus weichem Knochen entsprechende Knochenzylinder herausgestanzt werden können, die anschließend als autologes Material zur Augmentation zur Verfügung stehen.

Dr. Vollmer empfahl jedoch zur Vermeidung von Komplikationen sich bei Osteotomen auf die Knochenqualitäten D3, D4 zu beschränken, die hauptsächlich im Oberkiefer aber auch im Unterkieferseitenbereich vorkommen. Die Knochenqualität könne im Vorfeld durch entsprechende CT und Computerprogramme festgestellt werden, so dass man sich in diesen Fällen nicht nur auf sein Gefühl verlassen müsste.
Die verschiedenen Sinuslifttechniken wurden erläutert:
- die direkte Sinuslifttechnik nach Tatum
- die indirekte Technik nach Summers mit Hilfe von Osteotomen.
Eine Kombination der verschiedenen Techniken sei durchaus möglich. Zur Sinuslifttechnik erklärte Dr. Vollmer, dass im Idealfällen auch nach Überstopfung der Kieferhöhle mit einem geeigneten Ersatzmaterial sich der Knochen soweit resorbiere, bis er wieder an die Wurzeln bzw. an die Implantate reichte. Dies sei ein sicheres Zeichen für einen erfolgten knöchernen Umbau und man könne davon ausgehen, dass man kein totes Material im Sinus habe. Die freundlicherweise von der Fa. Geistlich Biomaterials zur Verfügung gestellten partikulierten Materialien kamen zum Einsatz.

Ferner wurde erläutert, dass in speziellen Fällen auch ein krestaler Zugang wie er früher einmal gemacht wurde, zum Sinus gewählt werden könne, da diese Technik eine zu starke Schwächung der bukalen bzw. lateralen Seite des Sinus verhindere.
Im Anschluss ging man dann noch kurz auf neuere Techniken wie z.B. die Piezo Surgery ein. Im Grunde genommen können sehr viele Operationen sehr schonend mit Hilfe der Piezo Surgery durchgeführt werden. Vorteile sind unter anderem die Vermeidung einer Membran Ruptur bzw. der Schädigung des Nervus Alveolaris inferior. Die betreuende Mitarbeiterin der Fa. Mectron betreute mit den Piezo Geräten der neusten Generation in vorzüglicher Art die Teilnehmer.
Dr. Vollmer erläuterte im Anschluss noch die verschiedensten Methoden, wie man einen Sinuslift in Ausnahmefällen auch vermeiden kann. Er stellte ausführlich das angulierte Einbringen von Implantaten in der Form von Präsinusimplantaten sowie Tuber oder Pterygoid Implantaten dar. Das all-on-four / six Prinzip nach Paolo Malo wurde ebenfalls diskutiert.
Dr. Valentin erläuterte an einem separaten Tisch autologe Knochenentnahmen und den Transfer und die Fixation des Knochens.
Neu im Programm waren Übungen zur Original Schalentechnik nach Prof. Khoury sowie analog dazu mit neuen allogen Platten der Firma Camlog /Henry Schein und der Anwendung von sogenannten Stell- bzw. Positionierungsschrauben zum Aufbau von Knochendefekten mit partikulierten Knochenersatzmaterial.
Diverse Nahttechniken konnten an einem zusätzlichen Tisch unter Anleitung der Oralchirurgin Dr. Martina Vollmer geübt werden.
Alles in allem ein sehr gelungener Kurs, der im Jahr 2027 wieder im Frühjahr statt finden wird . Der Termin wird frühzeitig bekannt gegeben.
Unser Dank gilt unseren Kollegen, die den Kurs betreuten und natürlich auch den beteiligten Firmen, ohne die ein so reibungsloser Ablauf des Kurses nicht gewährleistet wäre.
Dr. Rolf Vollmer